TORA

TORA

Mit Tora (Akzent auf der Endsilbe) werden im engeren Sinne die fünf Bücher Mose bezeichnet, aber z. B. im Neuen Testament gelegentlich auch das ganze Alte Testament. Die sprachliche Bedeutung von tora wird meist auf das hebräische Wort jara, „unterweisen, lehren“, zurückgeführt. Rabbiner S. R. Hirsch leitet es von hebräisch hara ab, „empfangen, schwanger werden“, und entwirft das interessante Bild: Der Mensch kann Gottes Weisung empfangen wie einen Lebenssamen, der in ihm Gottes Leben und Weisung einpflanzt.

Dass Tora fast immer mit „Gesetz“ übersetzt wird, ist problematisch. Denn mit „Gesetz“ verbinden wir eine starre Ordnung statt dynamischer Weisung, wie wir sie in der Bibel vor uns haben, statt lebendiger Realität des Empfangens und Entwickelns von Leben in uns. Jene christliche Auffassung vom „Gesetz“ wurde dann in einen Gegensatz zum Evangelium gebracht. Aber aufs Ganze gesehen vertritt das bibelbezogene Judentum v. a. seit dem 13. Jh., viele messianische Juden unserer Zeit eingeschlossen, ein anderes Verständnis von Tora: Die Tora, und damit die für die biblischen Inhalte grundlegenden fünf Bücher Mose, beinhaltet Gottes Handeln mit und Reden zu Israel und den Nationen. Der Charakter der Tora ist lebendig, geistgeatmet und ist all das, was wir dem Vater Jesu zuschreiben. Ein Gegensatz von „Gesetz“ und Gnade ist weitgehend ein Konstrukt der Reformatoren, welche das Alte Testament von der Gesetzlichkeit der mittelalterlichen Kirche her interpretierten und diese Gesetzlichkeit in die Bibel hineinlassen.

Juden unterscheiden zwischen schriftlicher und mündlicher Tora. Während die schriftliche Tora deckungsgleich ist mit den fünf Büchern Mose, leiten sie die mündliche ab von Weisungen Gottes an Mose, welche dieser nie aufschrieb. Die mündliche Tora gab es bereits zur Zeit Jesu, von diesem „Väterüberlieferungen“ genannt. Schriftlich festgehalten wurden diese zuerst in der Mischna, dann stark ausgeweitet im umfassenden Werk des Talmud.

Im Neuen Bund wird tora ins Griechische als nomos übersetzt, wodurch die Bedeutung näher zum heutigen Verständnis gerückt ist: Norm, Ordnung, Regel, Gesetz. In Apg. 15 werden alle nichtjüdischen Gläubigen vom Einhalten der Tora befreit, ausser dem Essen von Blut und dem Leben in Unzucht. Genauer bespricht Paulus die ganze Frage nach Tora/Nomos im Römerbrief. Paulus unterscheidet drei Arten von „Tora“ (griechisch nomos) in Römer 7,1 bis 8,17: die „Tora“ der Sünde, welche den Menschen verführt und welche die Tora des Mose nötig macht zum Eindämmen der Sünde, schliesslich die zeitlich letzte „Tora des Geistes des Lebens in Christus Jesus“ (Röm. 8,2), welche durch den Messias gekommen ist.

Diese Sicht beruht auf der Geschichte: Wir hören hinter den Worten des Apostels den Weg Gottes mit Israel. Der Herr schenkte seinem Volk seine Weisungen auf dem Sinai, um es auf dem Weg des Lebens zu leiten und ihm zu helfen, das Gesetz der Sünde zu überwinden. Israel reagierte einerseits oft mit Ungehorsam der Tora gegenüber oder aber mit Gesetzlichkeit, welche das Leben zu ersticken drohte. Daraufhin offenbarte Gott durch seine Propheten, dass er einen neuen Weg gehen werde, um sein Wort in die Herzen seines Volkes zu legen. Nicht nur äusserlich, sondern in der Tiefe sollte Gottes gute Weisung den Menschen erfassen. Darum kam der Messias als Herzensmessias, der stets auf das Innere des Menschen drang, nicht auf äusserliches Einhalten von vielen Gesetzen, sondern auf die Erneuerung der Herzen. Durch diese Tora des Geistes des Lebens beginnt eine noch tiefere Gemeinschaft mit Gott in Jesus, welche die Gemeinde Jesu aus Juden und Nationen befähigt, als geliebte Kinder des einen Herrn zu leben und ein Zeugnis zu sein für ganz Israel und alle Welt. Die jüdischen Gläubigen halten dabei die Tora des Mose unterschiedlich ein, die nichtjüdischen sind frei im Sinne des Neuen Bundes.

Hansjörg Kägi mit Autorengruppe echad Verlag

Veröffentlicht von Micha Bayer