Fragwürdige Erfüllungstheologie bei N.T. Wright

Fragwürdige Erfüllungstheologie bei N.T. Wright

Der sehr ernst zu nehmende ‚blinde Fleck‘

In einer Pause anlässlich der Vorlesungen von Prof. N.T. Wright an der Uni in Freiburg im Juni 2014 suchte ich das Gespräch mit einem Glaubensbruder, den ich wegen seines Engagements im Dienst sehr schätze. Ich drückte mein Bedauern aus, dass der viel gepriesene und wirklich ausgezeichnete Referent dem heutigen Israel keine geistliche Bedeutung mehr beimesse. Darauf sagte er zu mir: „Da hat er halt einen blinden Fleck.“ Seine Darlegungen seien aber sehr hilfreich. – Das Letztere empfand ich auch so. Der Referent ist ein exzellenter Lehrer, ein hoch gebildeter Theologe und viel beachteter Autor. Kein Wunder, findet er überall offene Türen. So unbeschwert reagieren wie mein Gesprächspartner konnte ich aber nicht.

Im Gegenteil: Ich war tief betroffen von der theologischen ‚Erledigung‘ Israels durch N.T. Wright. Zusammen mit anderen kämpfe ich schon lange für die Überwindung der so viel Unheil anrichtenden ‚Ersatztheologie‘, welche besagt, dass die christliche Kirche das ‚alte‘ Bundesvolk als Verheissungsträger abgelöst habe und darum als das ‚neue Israel‘ betrachtet werden könne. Und jetzt kommt noch diese ‚Erfüllungstheologie‘! –

 

Wie kam es dazu?

Die Bibelauslegung ist immer auch abhängig von dem, was einen Ausleger selbst beschäftigt und von dem, was seine Zeitgenossen bewegt. So war es zum Beispiel klar, dass bei Martin Luther die Frage, wie man vor Gott gerecht werde, durch das Vollbringen ‚guter Werke‘ oder durch Vertrauen auf die in Christus gewährte Gnade, starken Einfluss auf seine Schrift-Interpretation hatte.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts entstand unter englischsprachigen Theologen die Überzeugung, dass die Botschaft des Apostels Paulus neu verstanden werden müsse. „The New Perspektive on Paul“, also eine neue Sicht auf Paulus, betonte, dass sich Paulus in seinen Briefen (besonders deutlich in dem an die Galater) mehr gegen die bei Juden sehr wichtige Zugehörigkeit zum Bund (z.B. das Pochen auf die Beschneidung) gewendet habe als gegen eine ‚Werkgerechtigkeit‘. Dieser ‚Nationalismus‘ sei es, der den Nicht-Juden den Zugang zum Bund der Gnade in Christus schwer mache. Die universale Bedeutung des Evangeliums werde darum zu wenig erkannt. N.T. Wright gehörte schon früh auch zu dieser Richtung, präsentierte dann aber eine eigene Lösung für dieses Problem zwischen Juden und ‚Heiden‘, eben die ‚Erfüllungstheologie‘. Sie betont die Radikalität der Veränderung, die durch Tod und Auferstehung des Messias Jesus für das Volk Israel gekommen ist. Alle Verheissungen für das Bundesvolk Israel seien in ihm, dem Messias, erfüllt worden. Er sei der Repräsentant Israels, in dem die von Gott geforderte Hingabe an ihn auch wirklich vollzogen worden sei. Dies im Sinne von 2. Kor. 1,20: In Gottes Sohn Jesus Christus „ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheissen hat.“

Für N.T. Wright schliesst dieses Ja der Sache nach mit ein, dass Israel aus dem Exil heimgekehrt (denn es war ja wegen seiner Schuld im Exil) und die Herrlichkeit Jahwes nach Zion zurückgekommen sei. Alle, die der Einladung in die Herrschaft Jesu vertrauend folgen, bilden jetzt das wahre, neue Bundesvolk. Das alte, das ethnische Israel, habe darum keine besondere Bedeutung mehr, auch keine weitere Ansprüche aus Verheissungen (z.B. den Landbesitz). Das Heil habe jetzt ganz universalen Charakter. Der für Israel vorgesehene Auftrag sei in der Person des Messias Jesus ganz erfüllt worden.

Nicht nachvollziehbar.

Für mich und meine Freunde in den Israel-Werken ist diese Interpretation nicht nachvollziehbar. Sie ist mir zu spekulativ. Ich finde keine biblische Begründung dafür. Dass Jesus für die Sünde der ganzen Welt, also aller Menschen, gestorben ist und er durch seinen Tod und seine Auferstehung für alle den Zugang zum Heil eröffnet hat, ist uns allen wichtig. Dass dadurch aber Israel als Volk seine Bedeutung in Gottes Zukunftsplänen verloren habe, ist biblisch nicht zu begründen und erscheint angesichts der realen Geschichte absurd, ganz abgesehen davon, dass ein solches Verständnis für die Beziehung der Nationen und speziell der Christen zu Israel katastrophale Folgen hat.

Was ist zu beachten?

(1) Mit dem Kommen Jesu Christi wurden verschiedene Israel gegebene Verheissungen erfüllt (der Erlöser ist gekommen!), andere aber wurden bestätigt, nämlich die schon den Vätern gegebenen (grosses Volk, Land), wie Paulus in Römer 15,8 hervorhebt: „Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen (!) Diener der Beschnittenen geworden, damit die Verheissungen an die Väter bestätigt (!) werden.“ Bestätigt, noch nicht erfüllt! In den Fragen um Verheissung und Erfüllung geht es um die Wahrhaftigkeit Gottes, um die Glaubwürdigkeit seiner Zusagen. Eine ganz entscheidende Sache!

(2) Seit dem Kommen des Erlösers gibt es in der Welt zwei Zeugen des einen Gottes, aber mit unterschiedlicher Ausprägung: Israel, das ersterwählte Volk, das mit und durch den Gott seiner Väter zusammengebunden ist. Da allein schon sein Dasein ein Zeugnis für Gott ist, versuchen alle Feinde Gottes, dieses Volk aus der Welt zu schaffen. – Dann ist hier die Gemeinde Jesu Christi, zusammengesetzt aus Gläubigen aus Israel und den Nationen. Die Gemeinde lebt schon unter Führung des Messias und vertraut dem Wirken des Hl. Geistes.

Während das jüdische Volk vor allem Zeuge für die Treue Gottes ist (durch die absolut erstaunliche, Jahrtausende alte Geschichte), bezeugt die Gemeinde, der Leib Christi, vor allem die Barmherzigkeit Gottes (siehe Röm. 15,8). Beide Zeugen sind eminent wichtig und brauchen einander. Die immer stärker werdende Bewegung der Messianischen Juden weist schon eindrücklich auf Gottes Ziel hin: Das vereinte Lob Gottes in seinem kommenden Friedensreich.

(3) In vielen Schriften des Neuen Testaments spielt das ethnische Israel (nicht nur ‚die Juden‘ als Glaubensrichtung mit verschiedener Prägung) eine wichtige Rolle, nicht nur in paulinischen. Zum Beispiel auch in der Offenbarung des Johannes. Das zeigt, dass Gott mit dessen Geschichte noch nicht am Ende ist.

(4) Der Apostel Paulus bezeichnet die Vorgänge in der Geschichte Israels als ein Geheimnis. Dieses wird nicht durch „eigene Einsicht“ (Röm. 11,25!), also nicht durch menschliche Erklärung, ergründet. Es braucht göttliche Offenbarung. Paulus war damit begnadet. – Bleiben wir daran, betend sein Zeugnis in unseren Herzen zu bewegen.

(5) Wenn wir Gottes Bundesvolk Israel aus theologischen Gründen eine Zukunft und Bedeutung nach der Erscheinung des Messias absprechen, weil es ihn noch nicht erkannt hat, hat dies schwer- wiegende Folgen für die christlichen (Konfessions-) Kirchen und in der heutigen Gesellschaft und Politik. Das jüdische Volk hat in der Vergangenheit unermesslich gelitten „um seines Namens willen“. Ersatz- und Erfüllungstheologie kann sehr leicht dazu verleiten, die Mitverantwortung von uns Christen daran abzuschieben. Wir werden auch in unserer Haltung gegenüber dem Staat Israel irregeführt und verfehlen den Dienst, den wir den jüdischen Menschen unserer Zeit schuldig sind.

Zuspitzung der Auseinandersetzung um Israel. Wir sind gefordert.

Auch in unserem Land nehmen antisemitische Vorkommnisse zu, und es wird viel Stimmung
gegen Israel gemacht. Nicht, dass Fehler und Vergehen, die auch da passieren, nicht geahndet werden sollen. Aber sachlich müssen wir bleiben, dienlich mit ‚Aufklärung‘, helfend gegenüber allen Leidenden, vor allem aber in gutem Sinne gottesfürchtig.

Wer die grosse, bleibende Bedeutung des Volkes Israel als Zeuge des wahren, lebendigen Gottes und Herrn der Welt nicht erkennt, weist nicht nur einen kleinen, harmlosen ‚blinden Fleck‘ auf. Er ist blind für den ganz wesentlichen Teil von Gottes Handeln in der jüngsten Geschichte. Diese umfasst nicht nur zwei Weltkriege, sondern auch absolut einmalige Ereignisse für das jüdische Volk (Zionismus, Progrome und Holocaust, Rückkehr ins Land der Väter und Staatsgründung).

Wer das nicht sehen kann oder will, ist gelähmt in seiner Hoffnung und geschwächt im Verstehen der Wege Gottes. Davor bewahre uns der Herr. Viel mehr erfülle uns „der Gott der Hoffnung mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit wir stark seien in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Röm. 15,13).

Robert Währer

Wichtige Hinweise zum Verstehen der Geschichte Israels finden Sie in meinem Buch ‚Israel – heilsame Provokation‘, erschienen im Nov. 2014 im Echad-Vlg, www.echad.ch

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Verfasst als Artikel für die Zeitschrift ‚Signal‘, Ausgabe Sept. 2015

Veröffentlicht von Robert Währer