Gottes Haus

Gottes Haus

Es gibt zwei grundlegend verschiedene Ansichten bezüglich des Hauses Gottes. Die einen verstehen darunter das sichtbare Gebäude. Dieses Haus gibt ihnen Geborgenheit und Zuflucht war. Andere verstehen das Haus Gottes rein geistlich. Ihre gläubige Gemeinschaft kann zusammen kommen wo es immer möglich ist, sie braucht kein physisches Haus, lehnt es sogar ab.

Als wir in unserem Gebetshaus das zehnjährige Jubiläum feierten, sprach der Hauptredner in seiner Botschaft fast nur über die geistliche Dimension eines Hauses Gottes, dass es auf unser Herz ankommt, dass der liebevolle Herr, an den wir glauben, einen Raum in unseren Herzen sucht und dort Wohnung machen möchte.

Ist es nun das innere oder das äussere Haus, in dem Gott noch heute wohnt?
Verfallen wir einem magischen Denken, wenn wir unser Herz zu sehr an ein Gebäude hängen, in dem wir zusammen sind? Verlassen wir den Boden der Realität, wenn wir auf der anderen Seite nur noch das innere Haus des Herrn suchen und damit Gottes Wohnung rein geistlich sehen?

Wir setzen bei Jesus Christus ein, weil er entscheidende Dinge darüber klar gemacht hat. Von ihm her beschreiten wir den Weg zu Stiftshütte und Jerusalemer Tempel, dann zu den Psalmen mit ihrem starken Bezug zum Haus Gottes in Israel, um schliesslich zur Freiwilligkeit zu gelangen, die grundlegend ist für jeden Bau eines Hauses Gottes, wie auch immer dieses dann aussehen und zu verstehen sein wird.

Die messianische Gemeinde in Jerusalem ist nach dem Sterben und Auferstehen Jesu einen Weg gegangen, der beide Pole miteinander verband.
Täglich gingen sie in den grossen herodianischen Tempel in Jerusalem und gleichzeitig trafen sie sich in ihren Häusern. An beiden Orten feierten sie Gottesdienste und pflegten sie die Gemeinschaft miteinander und vielen Menschen, die zum Glauben fanden. Nicht allzu lange nach diesem fulminanten Start wurden sie verfolgt, mussten Jerusalem verlassen, lebten ohne irgendwelche äusserlichen Häuser weiter, sozusagen im Freien. Auch das gehört immer wieder zur Geschichte des Hauses des Herrn. Bald entstanden neue Häuser, in denen sie zusammen kamen, das bekannteste vielleicht die multikulturelle Gemeinde in Antiochia. Sie war es, die dann Paulus aussandte auf seine Missionsreisen, wo ebenfalls beide Gestalten auftraten, die physische und die spirituelle Dimension des Hauses des Herrn. – Wie ist nun dieses Verhältnis zu verstehen und vor allem zu leben? Wir möchten in den gesunden Absichten unseres Gottes leben, der ja hinter der ganzen Idee steckt, weil er sie selber ins Leben gerufen hat.

Jesus muss in dem sein, was seines Vaters ist
Wir wissen aufgrund der Schrift ausser der Geburt und Beschneidung nahezu nichts über die Kindheit Jesu, ausser der einen Begebenheit, welche allein Lukas erzählt. An der Schwelle zum Erwachsenenalter geht der zwölfjährige Jesus aus Nazareth mit seinen beiden Eltern nach Jerusalem. Es wird wohl das Jahr 9 n.Chr. gewesen sein, im Frühling zur Zeit des Passafestes. Nach dem Fest blieb Jesus in der Stadt zurück, und als seine Eltern ihn suchten, fanden sie ihn im Tempel und im Gespräch mit den Gelehrten seiner Zeit. Als ihn Josef und Maria schalten, gab er die erstaunliche Antwort: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss, in dem, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49b)

Jesus war bis zu diesem Zeitpunkt in Nazareth aufgewachsen.
Das bedeutet im Niemandsland in Galiläa, in einer einfachen Familie unter mehrheitlich armen Menschen. Damit erfuhr er auch eine natürliche Herzlichkeit innerhalb seiner Familie, wie das im Judentum damals Brauch war, die Liebe seiner Eltern, Geschwisterbeziehungen. Zentral scheint in seiner Familie gewesen zu sein, selber eine Bibel zu haben und sie auch lesen zu können, denn in seinem späteren Leben zitiert Jesus stets den hebräischen Urtext und nicht eine aramäische oder griechische Übersetzung. In Nazareth wird es eine Grundschule gegeben haben wir an den meisten Orten, aber Rabbiner gab es hier keine. In der Schule las man in Israel von sechs bis zehn Jahren Alter die Bibel, von zehn bis vierzehn Jahren die jüdische Tradition und Väterüberlieferung. Nachher ging man normalerweise einem Beruf nach, Jesus lernte Zimmermann, oder aber ein junger Mann absolvierte eine theologische Ausbildung bei einem Rabbiner an einem Ort, wo es einen gab, der das tat. Jesus verstand, wie die meisten Mensch seiner Zeit, etwas Griechisch und wohl auch Latein.

Mit vierzehn Jahren begann Jesus als ältester Sohn, im kleinen Geschäft seines Vaters mitzuarbeiten.
In ganz Israel gab es keine grossen Geschäfte oder Unternehmungen, lediglich Kleinbetriebe fürs Nötigste, denn man wollte genügend Zeit haben für die Schrift, das persönliche und gemeinschaftliche Glaubensleben und die Besuche im Jerusalemer Tempel (A. Edersheim). Zum geistlichen Klima Nazareths gehörte, dass es wie die anderen Orte Galiläas Stätten des politisch-religiösen Widerstandes waren gegen die Römer und zum Teil auch gegen die religiösen Leiter in Jerusalem. Simon der Zelot war ein solcher Widerstandskämpfer, er war Vetter Jesu und später einer seiner Jünger. Landschaftlich war Galiläa und damit auch Nazareth sehr schön, fruchtbar, bedeutend schöner als Jerusalem oder Judäa.

Jesus hatte seine Bar Mitzwa Feier gehabt, war nun geistlich gesehen erwachsen geworden.
Darum nahm er zum ersten Mal an einem der jährlichen Feste im Tempel teil. Die Pilger von Nazareth zogen los, den Hügel hinunter, kamen zusammen mit anderen Pilgergruppen aus anderen Orten, bis der Strom immer mehr anwuchs, der sich aus Norden Jerusalem zu bewegte. Nach zwei Tagen näherten sie sich der Hauptstadt in immer grösser werdenden Festzügen, die hinauf nach Jerusalem zogen, Wallfahrtspalmen singend. Der Tempel war beeindruckend, vom grausamen Herrscher Herodes wunderbar schön gemacht. Da dieser Jesus vor 12 Jahren nicht umbringen konnte im Kindermord in Bethlehem war Jesus nun dabei. Herodes war gestorben. Die Pilger waren jedes Mal neu beeindruckt durch die äussere Herrlichkeit der Stadt und insbesondere des Hauses Gottes. Jesus nicht, er spürte wohl in sich, dass es das nicht war. Der messianische anglikanische Pfarrer und Theologe Alfred Edersheim beschreibt, was in Jesus vorgegangen sein könnte:

Was Jesus bisher in seinem wachsenden Bewusstsein schon direkt vom Vater im Himmel erkannt hatte, erwacht nun im Gebetshaus und Tempel in Jerusalem deutlicher. Er beginnt klarer zu verstehen, was seine Person und seine Mission ist. Das erfüllt ihn so, dass er einfach dort bleibt, auch nach Ende des Festes, und er kann überhaupt nicht verstehen, warum seine Eltern ihn suchen und entsetzt sind. Jesus realisiert und erkennt, dass dieses Haus völlig seines Vaters ist. Er empfindet erstmals den starken unwiderstehlichen Impuls, diese göttliche Notwendigkeit, ‚in dem sein zu müssen, was seines Vaters ist’. Dies alles war sein erstes „Opfer“ im Sinne des sich selber Loslassens, um ganz beim und mit seinem Vater zu sein in dessen Wohnung. Es war die Hingabe des Sohnes an den Vater, da der Vater ihn so stark berührte hier in seinem Haus.

Jesus erfährt in seinem jungen Geist einen Durchbruch im Haus Gottes seines Vaters.
Es brauchte dieses Haus geradezu, und der Vater tat es hier, er hätte es ja auch in Nazareth oder irgendwo tun können. Hier lässt er seinen einzigen Sohn hindurchbrechen und sich als den einen Gottessohn des einen himmlischen Vaters erkennen, hier im Hause des Vaters. Ich vermute darum, dass auch wir als Jünger Jesu solche Häuser Gottes des Vaters brauchen, um im Geist voranzukommen und uns zu erkennen als Söhne und Töchter des Vaters in Jesus Christus, dem einen Sohn. In den Zeiten im Hause Gottes liebt es der Vater, uns zu fördern und uns wachsen zu lassen in unserer Identität als seine Kinder.

In Jesus bricht es nun heraus: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ – Natürlich konnten sie es nicht wissen, obwohl sie schon Einiges mit ihm erlebt hatten seit seiner Geburt. Aber Jesus weiss es jetzt! Und er weiss nun auch tief in sich, dass er sein muss bei seinem Vater. Damit sagt er: ‚Ich muss unbedingt, ich will das, das ist mein Wichtigstes, Innerstes, Schönstes, Höchstes, mein Erstes und Letztes.’

Das Äusserliche und Innerliche fliesst in Jesus zusammen, und damit auch in uns.
Dieses Sein in einem physischen Haus Gottes und gleichzeitig das Sein und Leben in all dem, was dem Vater wichtig ist für die Menschen, auch ausserhalb dieses Hauses. „Was des Vaters ist“ verändert Jesus und uns, dieses zweifache Gebetshaus für die Nationen, wie es Jesus später aufgrund von Jesaja nennt, verändert mich und jedes Kind Gottes, zum Guten, zum Vater hin. Hier macht der Heilige Geist meine Identität fest, dass ich ein Kind bin und einen Abba habe jetzt und für alle Ewigkeit. Hier verbringe ich Zeit mit Gott allein und in Gemeinschaft, in einer geistlichen Familie, die mir gut tut. So kann auch ich, können wir als Nachfolger Jesu sagen: ‚Ich muss, ich will sein im äusserlichen und innerlichen Vaterhaus Gottes, im Reich Gottes in seinem Haus und in der ganzen Welt.’

Jesus ging danach verändert zurück nach Nazareth.
Er begann bald darauf im Kleinbetrieb seines „Vaters im natürlichen Leben“, Joseph, mitzuarbeiten und ins Handwerk eines Zimmermanns hinein zu wachsen. Gleichzeitig muss er sich viel Zeit gegönnt haben, neben Beruf und Familie, deren ältester Sohn er war, ständig im Wort und Gebet zu verbringen. Er wird immer wieder, vielleicht täglich, in der Synagoge in Nazareth geweilt haben, denn man kannte ihn dort sehr gut. Er grenzte sich überhaupt nicht ab vom Glaubensleben seiner Mitmenschen. Zusätzlich war er sicher auch oft allein mit seinem Vater im Himmel, irgendwo in der herrlichen Umgebung von Galiläa, am Lesen und Meditieren der Schrift. Jesus hatte nun definitiv einen unstillbaren Hunger nach dem, was seines Vaters ist, und er hörte nie mehr damit auf, dies zu leben an der Hand seines Abbas, und zwar konkret in den bestehenden Häusern Gottes im Land, den Synagogen und dem Jerusalemer Tempel, wie überall anderswo auch. Getragen war dies alles in Jesus durch den Hunger und die gewaltige Sehnsucht des himmlischen Vaters, bei ihm zu sein, in ihm zu wohnen, ihm zu begegnen in seinem Haus in Jerusalem. Im nächsten Abschnitt werden wir sehen, wie der Herr das schon Mose offenbart hat.

Gott möchte wirklich bei den Menschen wohnen.
Zutiefst in seinem Herzen sagt er das, was Jesus im Tempel mit grosser Sicherheit von ihm gehört haben muss: ‚Ich muss bei dir wohnen, mein geliebter Sohn, es zieht mich so zu dir, mein Höchstes und Grösstes ist es immerzu, mit dir zu weilen, in deinem Herzen Wohnung zu haben.’ Diese Ursehnsucht Gottes hat der Sohn in vollem Masse vernommen und bleibend in sich aufgenommen. Er hatte sie ja schon vor seiner Menschwerdung gekannt und erlebt, und nun erfährt es sie wieder als junger Mensch, und das erfüllt ihn ganz und gar.

Der Vater möchte folglich zu uns allen sagen: ‚Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was euer ist?’
Er hat uns ja alles anvertraut, die ganze Schöpfung, Arbeit und Freizeit, unsere Beziehungen, alles, und in dem allem möchte er so gerne mit uns sein, bei uns wohnen. Er stellt uns diese seine liebevolle Frage ohne Druck, er kann und will das nicht einfordern noch uns damit bedrängen. Er hofft lediglich mit seinem ganzen Herzen, dass wir ihm die Türe zu unseren Herzen auftun, dass er ganz in uns sein kann, und dass wir ihm auch die Türen zu unseren Gotteshäusern öffnen und mit ihm zusammen dort Zeit verbringen wollen.

Es gibt nichts Grösseres und Wunderbareres für den Vater, als in uns drinnen sein Haus und seine Wohnung zu haben, und gleichzeitig auch in speziell für dieses Zusammensein von Händen erbauten Häusern zu sein.

aus ‘Das Haus Gottes’, Teil 1 von 4 aus ‘Journal zur Matte’ Nr. 28, erhältlich bei stiftung@zurmatte.ch.