Der jüdische Wurzelsaft

Der jüdische Wurzelsaft

GOTT SCHENKT UNS SEIN LEBENDIGES WORT NOCH EINMAL

Es ist meine eigene Erfahrung und diejenige einer wachsenden Anzahl von Christen, dass in dem jüdischen „Wurzelsaft“ (Röm 11, 17) eine vertiefte Schau des gnädigen Herrn der Welt liegt und darauf wartet, neu ausgegraben zu werden. Sofern ich die Texte der Bibel einfach lese, werde ich reich gesegnet sein und einiges verstehen. Vieles aber wird sich mir nicht auftun. Indem ich Juden anhöre, wie sie diese Texte verstehen, gehen mir Türen auf zu Erkenntnissen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Und genau diese erleuchteten Augen des Herzens (Eph 1, 18) möchte Gott in seiner Gemeinde heute geben.

Wir brauchen sie dringend, denn sie werden uns Gottes Herz schauen lassen und das Herz seines lieben Sohnes.

Ich bin überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, da Gott uns Christen sein lebendiges Wort noch einmal zurückschenkt. Dieses Mal wollen wir aber den ganzen Weg gehen, den Gott von Anfang an geplant hatte. Wir wollen mit seiner Kraft in die Einheit mit dem älteren Bruder Juda hineinwachsen. Das bedeutet einerseits umfassende Einheit mit den messianischen Juden in Jeschua (Jesus) dem Messias (Christus) und andererseits das Wahrnehmen und weitgehende Aufnehmen der jüdischen Schriftlehre.

Die Rolle der deutschsprachigen Christen

Vermutlich werden wir deutschsprachigen Christen dabei wiederum eine zentrale Rolle spielen. Gott hat uns offenbar eine Aufgabe gegeben, sein Wort vertieft in Form von kraftvoller Lehre andern weiterzugeben.

Zum dritten Mal, nach den Anfängen und nach der Reformation, führt uns der Herr an sein Herz durchs Wort. Werden wir jetzt in die ganze Fülle hineingehen?

Israel gehört alles Wesentliche, auch nachdem seine religiösen Führer Jeschua als Messias abgelehnt haben, schreibt Paulus:… meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und die Toragebung und der Gottesdienst und die Verheissungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen der Messias herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit, Amen (Röm 9, 3-5) Dazu zählt das biblische Wort des Alten Testamentes, das mit „Tora“ stellvertretend für das ganze AT von Paulus ausgedrückt wird. Die ersten „Christen“ waren ja ausschliesslich Juden, wie Paulus selber einer war.

Das tiefe Verständnis der Bibel verschwand aus der Kirche

Nachdem immer mehr Heiden Jesus als Messias anzunehmen begannen, ging es nicht lange, bis sie sich vom Judentum abzulösen begannen. Damit verschwand das den Juden eigene tiefe Verständnis der Schrift immer mehr aus der Kirche. Das Alte Testament wurde immer weniger verstanden, womit die Sicht für das, was Jesus Christus getan hatte, auch immer undeutlicher wurde. Dafür nahmen Sichtweisen zu, welche die Schrift mit philosophischen Brillen lasen und bald kamen Theorien über Gott, den Menschen und die Welt auf, welche sich vom jüdischen Grund losgelöst hatten und immer mehr in Gegensatz dazu standen.

Ein Beispiel gibt uns das Mittelalter. In dieser in mancher Hinsicht so dunklen Zeit der Kirche, da die Bibel so wenig Bedeutung hatte unter den Christen, schrieben jüdische Gelehrte Schriftauslegungen, die grössten Teils weder gesetzlich noch antichristlich sind. Im Gegenteil: sie vermitteln eine Tiefe des Verständnisses für Gottes Wort, das uns heute in Staunen versetzt. Leider fanden viele dieser Schriften ihren Weg nicht in die Kirche.

Die heutige jüdische Auslegung biblischer Bücher

Heute ist einiges anders geworden. Schon vor gut 100 Jahren wurde der Midrasch Rabba, eine predigthafte Auslegung grosser Teile des AT, ins Deutsche übersetzt. Zu Beginn des 20. Jh. folgte der ganze Talmud, das umfassende Werk jüdischen Lebens. Ende des 19. Jh. schrieb der deutsche Rabbiner Samson Raphael Hirsch in Frankfurt am Main eine tiefgründige Auslegung aller Bücher Mose auf deutsch. Seit zwei Jahrzenten werden in New York laufend neue Bände zu den biblischen Büchern verfasst, welche die ganze jüdische Auslegung biblischer Bücher aus Talmud, Midrasch und den rabbinischen Quellen zusammenfassen. Derselbe Verlag gibt auch eine gut verständliche Ausgabe des Chumasch heraus, der Rabbinerbibel, in der eine wertvolle Zusammenfassung der wichtigsten rabbinischen Kommentare zur ganzen Tora in englischer Übersetzung vorliegt. Wer hier liest und aufnimmt, erlebt oft eine echte Offenbarung von Dingen, die wir Heidenchristen bisher einfach nicht kannten.

Die Erkenntnis Gottes wächst durch unsere jüdischen Brüder

Sie helfen uns, den himmlischen Vater und das Werk seines Sohnes Jesus Christus viel klarer und tiefer erfassen. Immer noch sind diese Dinge den allermeisten Christen unbekannt. Da ich seit einigen Jahren an diesen Quellen, an den fetten Wurzeln des Oelbaums (Röm 11, 17) trinke und davon nehme, ist meine Erkenntnis Gottes viel weiter geworden, sodass ich dies gerne anderen weitergeben möchte. Viele Christen, wenn sie dies hören, erleben dasselbe: „Ist es möglich, dass da noch so viel verborgen liegt, das uns Gottes Geist jetzt durch unsere jüdischen Brüder zeigt?!“ Die Qualität der Kraft der froh machenden Botschaft Alten und Neuen Testaments steigt ständig. Die Einheit des Vaters mit dem Sohn wird immer klarer und fester in unseren Herzen. Der geschichtliche Heilsplan Gottes in Schöpfung und Erlösung wird so überwältigend sichtbar, dass unser Glaube in dieser vergangenen Zeit um vieles fester geworden ist. Ja, Gott ist gut!

Ein Wort an die westliche Christenheit, vor allem an die deutschsprachige:

Nach dem weitgehenden Verlust der Schrift im Mittelalter wurde ihr das lebendige Wort zur Zeit der Reformation zurückgeschenkt. Die Reformatoren gingen wieder zurück auf die jüdischen Quellen und erlangten eine grosse Schau für Gottes Pläne und sein Zeugnis-Wort.

Mischna (um 200 n.Chr. abgeschlossen), Talmud (um 500 n.Chr. abgeschlossen) und Midrasch (zwischen 400 und 1400 n.Chr. entstandene Sammlungen), die grossen, für alle Juden verbindlichen Werke kamen aber nicht in ihren Gesichtskreis wie auch die mittelalterlichen Rabbiner nicht. Hier geschah das ganze Andocken an den fetten Wurzelsaft des edlen Ölbaums nicht, das der Kirche den Vorrat für schwierigere Zeiten gegeben hätte.

Die angefochtenen Zeiten kamen mit ganzer Wucht im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung. Da ging es um das Herzstück der Offenbarung Gottes, sein lebendiges, kraftvolles Wort. Die Schriftlehre der Kirche kam unter Beschuss.

Die Theologen kämpften mit historisch kritischen Modellen, die Bibel zu verstehen, durch welche die Schrift zu einem Buch mit grossen Spannungen und zweifelhafter historischer Glaubwürdigkeit herabsank. Es scheint, als ob die Kirche dem humanistischen Geschichtsbegriff kein anderes Geschichtsverständnis entgegenzusetzen hatte, welches der Bibel angemessener gewesen wäre. Sie stand nicht genügend auf der jüdischen Geschichtsauffassung, welche mindestens genauso historisch ist, wie die neuzeitliche.

 

Meine feste Überzeugung

Wir werden anhand von Textpasssagen der Bibel noch oft sehen und belegen, dass wir die kritischen Auffassungen gar nicht benötigen.

Aufgrund vertiefter Einsicht in das jüdische Verständnis der Schrift ergeben sich erstaunliche Lösungen, die historisch und theologisch stimmen.

 

Hansjörg Kägi, Gott will bei uns wohnen, Das Geheimnis der Stiftshütte, Schleife Verlag 2002