Altes und Neues Testament

Altes und Neues Testament

Die Bibel, das „Buch der Bücher“, stellt eine Schriftensammlung dar, die im Judentum und Christentum als Heilige Schrift mit normativem Anspruch für die ganze Religionsausübung gilt. Die Bibel des Judentums ist der Tanach תנ״ך, der aus drei Teilen besteht: aus der Torah תּוֹרָה („Weisung, Lehre“ – die fünf Bücher Mose), den Nevi’im נְבִיאִים („Propheten“) und den Ketuvim כְּתוּבִים („Schriften“). Auch Jesus und Paulus bestätigten diese Dreiteilung des Tanach (z. B. Luk. 24,44, Apg. 24,14). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach übernommen und als Altes Testament (AT) dem Neuen Testament (NT) vorangestellt. Die Anordnung der Bücher im christlichen AT unterscheidet sich von der erwähnten Dreiteilung des hebräischen Tanach. Der Begriff „Altes Testament“ kommt im Tanach nicht vor. Im NT heisst es dafür „die Schrift“, „die Schriften“, „es steht geschrieben“, „die Torah (und die Propheten)“ oder „Mose (und die Propheten)“, (Matth. 4.4-10, Luk. 24,44, Röm. 11,8). Zudem wird der Tanach als der „Erste Bund“ Gottes mit dem Volk Israel bezeichnet (Hebr. 8,7), der in unauflösbarer Relation zum „Neuen Bund“ Gottes mit Israel und allen Völkern steht. Die Bundesschlüsse Gottes mit dem Volk Israel im Tanach werden hebräisch Brit בְּרִית genannt. Kern des NT ist der Neue Bund (Brit chadascha בְּרִית חֲדָשָׁה). Der Neue Bund wurde zuerst dem Volk Israel verheissen (Jeremia 31,31–34) und im NT durch Jesus eingesetzt (Lukas 22,20). In Hebr. 8,8–11 wird Jeremia 31,31–34 zitiert. Dabei wird für den Brit chadascha derselbe griechische Begriff wie in Lukas 22,20 verwendet (καινὴ διαθήκη). Die Übersetzung von Brit (Bund) mit „Testament“ ist somit sprachlich ungenau.

Nicht nur die Autoren des Tanach, sondern auch die allermeisten des Brit chadascha waren Juden, ebenso Jesus (sein ursprünglicher Name auf Hebräisch – Jeschua יֵשׁוּעַ – bedeutet „Retter“). Jeschua kannte den dreiteiligen Tanach vollständig und betonte dessen Bedeutung für sein Wirken: … dass alles erfüllt werden muss, was in der Torah des Mose und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht (Luk. 24,44). – Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um die Torah oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! (Matth. 5,17–18)

Wie die Evangelien bestätigen auch die übrigen Schriften des Brit chadascha die Bedeutung des vom Heiligen Geist inspirierten Tanach, z. B. 2.Tim. 3,16 oder Röm. 15,4. Es gibt im ganzen Brit chadascha 695 einzelne Zitate sowie tausende andere Stellen, in denen auf den Tanach Bezug genommen wird. Jeschua selbst zitierte die Torah zirka 60-mal. Trotz dieser eindrücklichen Belege gibt es die Meinung, dass der Tanach überholt und nur für ein bestimmtes Volk während eines bestimmten Zeitabschnitts beabsichtigt gewesen sei.

Beide Testamente bilden eine viel stärkere Einheit, als allgemein erkannt wird. Sie bauen organisch aufeinander auf. Im Buch der Offenbarung kommt zur Erfüllung, was im Buch Genesis begonnen hat. Die Periode dazwischen ist die Heilsgeschichte. Sie umfasst die Schöpfung, die Bundesschlüsse mit Noah, Abraham und Mose, Jeschua dem Messias und das Neue Jerusalem – das erlöste Israel und die erlöste Gemeinde aus den Nationen (Off. 21,12–14) – als Ziel.

Jonathan Roost, 27.02.2019

Veröffentlicht von Siegfried Schmid